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Die neue Spandauer Vorstadt: Stadtquartier Am Tacheles bald vollendet

Visualisierung mit Blick in die Oranienburger Straße, rechts das Kunsthaus Tacheles (c) bloomimages
30.05.2022

Berlins größtes innerstädtisches Entwicklungsgebiet steht kurz vor der Vollendung: das neue Stadtquartier am Tacheles. Wer in den vergangenen Jahren zwischen Oranienburger, Friedrich- und Johannisstraße unterwegs war, konnte miterleben, wie sich das Terrain und damit die ganze Gegend fundamental verwandelte. Aus der mehr als 25.000 Quadratmeter großen Brache ums sogenannte Kunsthaus Tacheles war eine gigantische Baustelle entstanden, die Mitte 2023 in allen Bauabschnitten beendet sein soll.

Das Areal ist wie die ganze Spandauer Vorstadt sehr geschichtsträchtig. An der Oranienburger Straße standen vor dem ersten Weltkrieg nicht nur klassische Berliner Mietshäuser, sondern auch Europas erste Shopping-Mall nach amerikanischem Vorbild – die Friedrichstraße-Passage. Hier gab es ab 1907 zum Teil visionären Service. Mechanische Förderbänder und eine Vielzahl von Boten sorgten dafür, dass die frisch gekaufte Ware so schnell verschickt wurde, dass sie meist schon vor dem Käufer zu Hause eintraf. 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde aus der Passage das „Haus der Technik“, in dem der Elektrikkonzern AEG seine Geräte ausstellte. Im „Dritten Reich” bezogen NS-Organisationen die Gebäude. Nach dem Krieg nutzten Institutionen wie eine Artistenschule, ein Kino und eine Tanzschule den Komplex. 1980 und 1982 wurden für eine neue Straße Teile des Areals gesprengt. Mit dem Fall der Mauer schließlich entdeckten Künstlerinnen und Künstler die vernachlässigte Spandauer Vorstadt. Wie im Fall der Hackeschen Höfe verhinderten sie durch die Besetzung den Abriss des Ensembles.

Ein Areal für alternative Lebens- und Kunstformen

Diese Jahre haben lange Zeit den Blick auf das Areal und die Spandauer Vorstadt geprägt. Das Tacheles genannte Passage-Kaufhaus stand für eine andere Form des Aufbruchs: Die Ruine wurde zur Ikone für alternative Lebens- und Kunstformen. Lange Jahre hielten sich Ateliers, Clubs, Bars, Biergärten, Kinos auf dem Areal. Alles wirkte immer recht trashig und war genau deswegen so beliebt. Und während das ganze Viertel in den Jahren nach dem Mauerfall saniert und modernisiert, die alten Kohleöfen ersetzt und sogar Fahrradstraßen angelegt wurden, blieben das Tacheles und das umliegende Areal lange Zeit ein alternativer Kulturstandort. 

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Das ganze Stadtquartier im Überblick (c) bloomimages

1998 erwarb die Fundus-Gruppe das Grundstück und plante ein so genanntes Johannis-Quartier. Mangels Geldgeber verkaufte die Gruppe das Areal 2012 an die US-amerikanische Bank Perella Weinberg. Die investierte nun 800 Millionen Euro, um auf dem Terrain ein neues gemischtes Stadtquartier zu errichten. Den städtebaulichen Masterplan dazu erstellte das Architekturbüro Herzog & de Meuron

Zehn Häuser mit Büros und Eigentumswohnungen gruppieren sich um vier Höfe, die sich den Bereichen Wohnen, Handel, Kultur und Arbeiten zuordnen. Lokale und Einzelhandel sollen das Quartier beleben: Vom vegetarischen Imbiss bis zum Sterne-Restaurant, vom lokalen Einzelhändler bis zum großen, internationalen Label werden in die 48 Ladeneinheiten im Erdgeschoss einziehen, heißt es beim Projektentwickler pwr. Im Untergeschoss wird Rewe einen seiner größten Supermärkte in Berlin eröffnen. 

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Visualisierung mit Einzelhandel an der Oranienburger Straße (c) bloomimages

Ein bisschen Bezug auf die Vergangenheit

Der Entwurf soll außerdem eine ganze Reihe von historischen Bezügen herstellen: So wird der denkmalgeschützte Teil des Tacheles erhalten bleiben – mitsamt der Graffiti. Und die L-Form der Passage von der Friedrichstraße zur Oranienburger Straße greift das historische Vorbild aus der Vorkriegszeit auf. 

Zur Oranienburger Straße hin öffnet sich ein großer Platz, den Restaurants und Geschäfte säumen. Das ganze Quartier soll auch grün und luftig wirken: 170 Bäume, die derzeit in einer Baumschule wachsen, werden auf den Plätzen gepflanzt. Auch die Dächer sind begrünt, und statt einer Überdachung wie in den historischen Passagen führen begrünte Brücken in luftiger Höhe die beiden Hofseiten links und rechts zusammen. 

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Visualisierung zur Friedrichstraße (c) bloomimages

Und damit auch die Kultur nicht zu kurz kommt, die immerhin 30 Jahre lang den Ort prägte, soll ein privates Fotomuseum das ehemalige Kunsthaus beziehen: Fotografiska aus Schweden betreibt neben dem Museum in Stockholm auch Filialen in New York und Tallinn. Mit seinen großen Ausstellungen könnte das Museum tatsächlich zu einem Publikumsmagneten in Berlin werden. Mit den alternativen Kulturformen der vergangenen Jahrzehnte allerdings hat das nicht mehr viel zu tun.