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Arrey – die Modekönigin der Hackeschen Höfe

Arrey – die Modekönigin der Hackeschen Höfe
Mai 2024

Der Auftritt

Wie es sich für eine Dame von Welt gehört, verspätet sich Arrey. Aber nur ein ganz klein wenig. Dann erscheint sie: das Gesicht von einem dichten Lockenkranz umgeben, kräftiger Lippenstift: ihr Signature-Look. Das Outfit: umwerfend. Die schwarze Hose aus gefaltetem Kunstleder erinnert an eine Reptilhaut und scheint nahtlos in die ebenfalls gefältelten Stiefel überzugehen – ein Prototyp nach eigenen Entwürfen. Arrey verkörpert die Botschaft ihrer Mode. Die ist nicht dafür gedacht, sich in einen grauen Alltag einzufügen; sie unterstützt starke Persönlichkeiten bei einem starken Auftritt. Das Ziel: Mode, die glücklich macht: leicht, elegant, sophisticated – so wie Arrey.

Die am Telefon zurückhaltend wirkende Frau erzählt überraschend lebhaft und offen aus ihrem Leben – Krisen und Probleme eingeschlossen. Sie spricht eloquent, mit angenehmer Stimme, dazu ein reizvoller Akzent – man hört ihr fasziniert zu. Weder auf ihrer Webseite noch sonst im Netz war zuvor viel über sie zu erfahren.


Kindheit in Kamerun

Aufgewachsen ist Arrey als Kind einer Akademikerfamilie in Kamerun. Die Generation ihrer Eltern war die erste, die nach dem Ende der Kolonialherrschaft im Ausland studieren konnte und den neuen Staat mit aufbaute. Die Familie gehört zur neuen Elite, zu Hause wird englisch gesprochen.

Arrey ist ein Bücherwurm, mit anderen Kindern spielen – das ist ihr zu langweilig. Stattdessen liest sie im Alter von neun Jahren lieber die 21 Bände der Encyclopaedia Britannica in einem Stück durch – zu einem großen Teil nachts mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Ihre schulischen Leistungen beeinträchtigt das nicht, im Gegenteil; als eine der besten ihres Jahrgangs gelangt sie auf ein renommiertes Internat.

Auch Arreys modisches Interesse erwacht früh. Sie näht Kleider für ihre Puppen und bereits mit viereinhalb den ersten Rock für sich selbst – mit der Hand. Mit fünf verlangt sie nach Schuhen mit hohen Absätzen. Als ihr der Wunsch nach zweijährigem Kampf erfüllt wird, macht sie das nicht glücklich. Sie hat sich bereits in ein neues Paar Schuhe verguckt – mit noch höheren Absätzen.


Foto links: Hochzeitsfoto der Eltern von Arrey

Berlin im Aufbruch

In den 1990er-Jahren kommt Arrey zum Studieren nach Berlin, in eine Stadt im Aufbruch. Dort, wo die meisten ihrer Internats-Mitschüler hingingen, in die USA oder nach England, da wollte sie gerade nicht hin. Ihre Entscheidung für Berlin hat sie nicht bereut. Die junge Frau aus einem strengen Elternhaus genießt die Freiheit, empfindet die Stadt als offen und freundlich und lernt an einem Tag spielend „20 Leute kennen”, erinnert sie sich. Zusammen mit Menschen aus aller Welt lernt sie Deutsch am Goethe Institut – und in den Cafés und Bars der Stadt. Das erste Jahr fühlt sich wie Urlaub an.

Arrey studiert, aber nicht zu Ende, macht eine Dolmetscherausbildung in vier Sprachen, ohne aber jemals als Dolmetscherin zu arbeiten. Stattdessen jobbt sie als Verkäuferin – und näht. Neben Nähaufträgen entwirft sie erste eigene Stücke, die sie auf Kommission in Boutiquen und auf Berliner Flohmärkten anbietet.


Foto rechts: Arrey im Berlin der 1990er-Jahre 

Wendepunkt Flohmarkt

An ihrem Flohmarktstand an der Straße des 17. Juni kommt es eines Tages zu einem Wendepunkt in Arreys Leben. Eine begüterte Dame aus dem Ruhrgebiet, zu Besuch in Berlin, erkennt ihr Talent. Sie lädt Arrey ein, sie mit all ihren selbst entworfenen Stücken im Hotel zu besuchen. Und kauft alles. Und nicht nur das.

Zurück in der Heimat gewinnt die Gönnerin eine Reihe von Boutiquen für eine erste Kollektion. Die besteht zunächst aus nur 15 Teilen. Arrey fasst Mut und wagt sich auf die Düsseldorfer Modemesse, zu der Zeit das wichtigste Branchentreffen im Land. Die Standgebühr pumpt sie sich bei Freunden, gegen eine großzügige Beteiligung an zukünftigen Umsätzen. Die Investition zahlt sich aus, am Ende stehen 42 Geschäfte auf ihrer Orderliste.

Foto links: Neben ihrer Karriere zog Arrey auch einen Sohn auf. Aaron ist heute Comiczeichner und lebt in Dänemark.  

Mit dem Erfolg in die Höfe


Es ist das Jahr 2005; Arrey startet durch. Innerhalb kurzer Zeit muss sie jetzt liefern, muss Stoffe ankaufen, ein Atelier anmieten, Nähmaschinen leihen und Schneiderinnen einstellen. Und das ohne eigenes Geld und ohne Bankkredit. Arrey arbeitet bis zum Umfallen. Es gelingt.

Bei einem Einkaufsbummel wird Arrey auf einen leerstehenden Laden in Hof 4 der Hackeschen Höfe aufmerksam. Noch immer nicht flüssig, aber beflügelt vom ersten Erfolg, geht sie den Schritt zum eigenen Geschäft. Nach einer notdürftigen Renovierung wird eröffnet. Und es fängt gut an. Die Ladentür ist kaum offen, da trägt die erste Kundin schon ein Kleid für 500 Euro hinaus.

Die Kunst des Faltens

Arreys Markenzeichen: Plisseestoffe, Stoffe mit einer feinen Faltenstruktur. Diese Stoffe gibt es so, wie Arrey sie braucht, nicht einfach zu kaufen. Sie lässt ihre Stoffe plissieren. Nur wenige Werkstätten in Frankreich oder Italien beherrschen diese Technik, und es werden immer weniger. Erst in jüngster Zeit erlebt Plissee eine Renaissance. Für einen Meter Plissee werden mindestens vier Meter Stoff gefältelt, erst dann kommt Leben und Bewegung in den Stoff, findet Arrey.

Die Autodidaktin Arrey arbeitet anders als andere Modeschöpferinnen. Sie zeichnet nicht, sie entwickelt ihre Entwürfe gleich dreidimensional an der Schneiderpuppe. Und sie näht die Muster für ihre Stücke bis heute nur mit der Hand: „Nähmaschinen gehen bei mir immer kaputt.”


Foto links: Beratungsgespräch mit Kundin im Arrey-Store

„Bad luck and bad choices”


Es läuft für Arrey, im Jahr beliefert sie 250 Geschäfte. 22 Mitarbeitende arbeiten für sie. Aber eine gute Modeschöpferin ist nicht notwendigerweise eine gute Managerin. Arrey weiß das, sie hält sich für chaotisch. Im Idealfall findet ein künstlerisches Talent wie sie eine Ergänzung in Gestalt eines gewieften Geschäftsmenschen, der sich um die Produktion und um das Geldverdienen kümmert.

Erfolg wirkt anziehend, es treten Menschen auf den Plan, die Arrey ihre Unterstützung anbieten. Nicht nur ein Mal gerät sie dabei an die Falschen. Gerade hatte sie den geschäftlichen Einbruch im Zuge der Finanz- und Eurokrise überstanden, da sucht ihr Geschäftsführer das Weite – und nimmt ihren Namen mit. Er hatte ihn sich als Markennamen schützen lassen und versucht daraufhin, sie zu kopieren. Arrey kann ihren eigenen Namen nicht mehr verwenden, den Namen, mit dem sie Erfolg hatte. Aus „Arrey Kono” wird „Arreyberlin”. Es folgen Prozesse, die sie gewinnt, dabei aber viel Geld verliert.

Aber Arrey lässt sich von diesen Schlägen nicht unterkriegen. Sie verkleinert sich und übersteht so auch die nächste große Krise: die Pandemie.

Neue Herausforderungen

Danach war es Zeit für eine neue Herausforderung. Arrey ist Taschenliebhaberin seit ihrer Kindheit. Als Studentin investierte sie einmal die Hälfte ihres Monatsbudgets in ein Modell. Mit der eigenen Taschenlinie erfüllt sie sich einen Traum. Im Jahr 2023 kommt sie auf den Markt, nach einer Entwicklungszeit von zwei Jahren. Lange sucht sie nach einem Hersteller, bei dem sie die Produktion vor Ort überwachen kann. In Deutschland sucht sie vergeblich, in Portugal wird sie schließlich fündig. Ihre „Njinju”-Taschenkollektion ist inspiriert von der Nsibidi-Schrift, einer aus dem heutigen Kamerun stammenden geheimnisumwitterten Symbolschrift. Mit ihrer klaren geometrischen Gestaltung sowie dem Kontrast zwischen Schwarz und intensiven Farben tragen die Taschen die unverwechselbare Handschrift der Modeschöpferin Arrey. An der Erfüllung eines weiteren Traums arbeitet sie noch: Schuhe von Arrey. Den ersten Prototyp trägt sie an den Füßen: eine einzigartige Kreation, die perfekt zu Arreys Mode passt.


Foto rechts: Taschenkollektion „Njinju”