Die jüdischen Oberschulen in Berlin Mitte
Das Gebiet rund um die Hackeschen Höfe ist seit Jahrhunderten ein Zentrum des jüdischen Lebens in Berlin. Zwei unmittelbare Nachbarn der Höfe machen das sichtbar: der alte jüdische Friedhof, heute ein kleiner Park, und gleich daneben ein sehr lebendiger Ort: die jüdischen Oberschulen. Sie gehen auf den berühmten Philosophen der Aufklärung, Moses Mendelssohn, zurück. Wir haben sie besucht.
Rücken an Rücken
In regelmäßigen Abständen dringt in den beschaulichen Hof 5 der Hackeschen Höfe lebhaftes Stimmengewirr. Der Pausenhof und der Sportplatz von zwei jüdischen Oberschulen sind nur wenige Meter entfernt. Die Höfe und die Schulen wenden sich sozusagen den Rücken zu. Sie sind in einem mächtigen Gebäude an der Großen Hamburger Straße untergebracht. Es wurde 1906 erbaut – zeitgleich mit den Höfen.
Um Nachwuchs müssen sich die Schulen offenbar nicht sorgen. Bei einem Tag der offenen Tür an einem Sonntag im Januar herrscht reger Andrang, vor allem von Familien, die sich nach einer Schule für den Nachwuchs umschauen. Über das Gebäude verteilt präsentieren Lehrkräfte ihre Fächer. Unterrichtsmaterialien liegen ausgebreitet, in der großen alten Aula singt ein Schülerchor, im Café ein Stockwerk höher gibt es selbstgebackenen Kuchen.
Tradition und Werte
Das „Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn“ und die „Rabbinerin-Regina-Jonas-Schule“ sind staatlich anerkannte Privatschulen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Hier lernen etwa 550 jüdische und nichtjüdische Schüler. Auch wenn der überwiegende Teil der Schüler einen jüdischen Hintergrund hat, ist dieser keine Bedingung für die Aufnahme. Ein Teil der Schüler stammt aus Familien nichtdeutscher Herkunft. In den ersten Jahren des Neubeginns stammten viele von ihnen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Heute scheinen auch Kinder israelischer Expats eine Zielgruppe zu sein – auf dem Tag der offenen Tür ist viel Hebräisch zu hören.
Alle Schülerinnen und Schüler nehmen am jüdischen Religionsunterricht teil, lernen Hebräisch und begehen die jüdischen Fest- und Feiertage. Das gemeinsame Mittagessen ist koscher. Neben der jüdischen Tradition wird im Unterricht auch die Bedeutung Israels für das jüdische Volk behandelt. Im Innenhof der Schule stehen die deutsche und die israelische Flagge nebeneinander.
Außerdem fühlen sich die Schulen den Werten der Aufklärung verpflichtet, für die der Namensgeber Moses Mendelssohn stand: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun – das ist die Bestimmung des Menschen.“ Eine Bronzetafel am Eingang und eine Büste im Verwaltungstrakt erinnern an den Namenspatron des Gymnasiums.
Gutes wollen, das Beste tun
Im 18. Jahrhundert bemühten sich die deutschen Juden um Anerkennung und Integration in die deutsche Gesellschaft. Viele erkannten: Der entscheidende Schlüssel für ihren gesellschaftlichen Aufstieg war Bildung. Die männlichen Kinder der jüdischen Gemeinde lernten bis dahin neben dem Studium der religiösen Schriften nur notdürftig Schreiben und Rechnen. Ein Freundeskreis um den Berliner Philosophen Moses Mendelssohn wollte den Jungen eine breitere Bildung ermöglichen und gründete 1778 eine jüdische Freischule.
Das Schulgeld war gestaffelt und entfiel für einige Schüler ganz. So bekamen auch Jungen aus mittellosen Familien Zugang zu Bildung. Auch damals schon stand die Schule nichtjüdischen Schülern offen. Mädchen dagegen mussten noch länger auf eine gute Schulbildung warten.
Neuer Bau am neuen Ort
Im 19. Jahrhundert wuchs Berlin rasant, die ehemalige „Spandauer Vorstadt“ wurde Teil des Stadtzentrums – und zum bevorzugten Wohngebiet der Berliner Juden. Rund um den schon seit dem 17. Jahrhundert bestehenden jüdischen Friedhof siedelten sich viele Einrichtungen der jüdischen Gemeinde an, so auch die 1866 eingeweihte Neue Synagoge an der Oranienburger Straße.
Auch die jüdische Bevölkerung der Stadt und damit die Schülerzahlen wuchsen stark. Die jüdische Gemeinde brauchte eine neues, größeren Schulgebäude. 1863 nahm in der Großen Hamburger Straße die Knabenschule der Jüdischen Gemeinde ihren Betrieb auf und wurde in den folgenden Jahren von rund 670 Schülern besucht. Das heutige Gebäude entstand 1906. Ab 1931 wurden dort auch Mädchen unterrichtet.
Von der Schule in den Tod
1932 besuchten die Schule 470 Schüler, zwei Jahre später stieg ihre Zahl auf über 1.000 an. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wollten viele jüdische Eltern ihre Kinder vor Anfeindungen an anderen Schulen schützen. In den Klassen waren fortan nie weniger als 50 Schüler, erinnert sich eine ehemalige Schülerin, die Autorin Inge Deutschkron. Bei Lehrern und Schülern gab es ein Kommen und Gehen: Die einen wanderten aus, andere kamen aus nichtjüdischen Schulen dazu. Die Schule legte den Schwerpunkt auf Wissen, das die Schüler nach einer Auswanderung nutzen konnten – vor allem Fremdsprachen.
Ab 1941 wurden die ersten Schüler mit ihren Familien in die Vernichtungslager deportiert. Jeder konnte der Nächste sein. 1942 wurde die Schule auf Anordnung der Gestapo geschlossen. Am letzten Schultag intonierte der letzte Direktor Schuberts „Unvollendete“ auf dem Klavier. Er wurde später in Theresienstadt ermordet. Nach über 160 Jahren endete die Geschichte der Schule – vorerst. Die Gestapo wandelte das Gebäude in ein Sammellager für Berliner Juden auf ihrem Weg in den Tod um.
Vom Ort des Schreckens zum Ort der Hoffnung
Zu DDR-Zeiten beherbergte das Gebäude eine Berufsschule. Die jüdische Gemeinde im Ostteil der Stadt führte angesichts der geringen Zahl jüdischer Menschen, des propagierten Atheismus und eines latent antisemitischen Antizionismus ein Schattendasein. Doch noch die letzte DDR-Regierung beschloss, Juden aus der zusammenbrechenden Sowjetunion die Übersiedlung nach Deutschland zu gestatten. Dieser Beschluss hatte auch nach der Wiedervereinigung Bestand. Die darauf folgende starke Zuwanderung belebte die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Der Wunsch und der Bedarf an Schulen, die jüdische Traditionen vermitteln, wuchsen.
Nach dem Ende der DDR gelangte das Gebäude in der Großen Hamburger Straße wieder in den Besitz der Jüdischen Gemeinde. Diese nutzte es zunächst als Grund- und ab 1993 als Oberschule, bestehend aus einer Gymnasial- und einer Realschulklasse. Mit 27 Schülerinnen und Schülern ging es los. Aus der Oberschule wurde später das „Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn“. Seit 2020 gibt es eine Integrierte Sekundarschule (ISS), die alle Schüler von der siebten bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet. 2023 erhielt die ISS den Namen „Rabbinerin-Regina-Jonas-Schule“. Regina Jonas war die erste Rabbinerin weltweit. Sie wuchs Anfang des 20. Jahrhunderts in der Nachbarschaft der Schule, in der heutigen Torstraße, auf. Sie predigte in den 1930er- und 1940er-Jahren in mehreren Berliner Synagogen.
Neben den Lehrinhalten unterscheidet die jüdischen Oberschulen noch etwas von „normalen“ Schulen: Die hohen Sicherheitsmaßnahmen. Die Jüdischen Schulen zählen zu den am besten beschützen Orten der Stadt.
Die Schulen nehmen jedes Jahr 24 Schülerinnen und Schüler in die 5. Klasse, und rund 65 in die 7. Klassen auf. Das Schulgeld ist nach dem Bruttojahreseinkommen der Eltern gestaffelt. Es beginnt bei 100 Euro monatlich, beziehungsweise 50 Euro für Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Mehr Infos hier.