Halt für Hosen – 40 Jahre Hoffnung Berlin
Hoffnung Berlin ist das einzige Gürtelgeschäft der Stadt – und vielleicht das schönste der Welt. Im West-Berlin der 1980er-Jahre begann Iwan Schroda, sich mit Leder und Gürteln zu beschäftigen und erlernte autodidaktisch das Handwerk des „Riemenschneiders“. Er baute eine eigene Manufaktur auf und konnte 2010 in den Hackeschen Höfen seine Vision eines eigenen Ladens verwirklichen. Hier ist seine Geschichte.
Iwan Schroda ist eine Erscheinung: markantes Gesicht, streng zurückgekämmte blonde Haare und stets korrekt gekleidet in seiner leicht nostalgischen Dienstuniform – schwarze Schürze über schwarzer Weste, weißes Stehkragen-Hemd und Hosenträger. Der Mann, der sich dem richtigen Halt von Hosen verschrieben hat, legt auch selbst Wert auf ein tadelloses Äußeres – das perfekt mit der Vintage-Anmutung seines Geschäfts harmoniert. „Der Verkäufer ist Teil der Inneneinrichtung“, sagt Schroda trocken. Mit seinem unverwechselbaren Habitus fand er auch Eingang in das Vintage-Herrenmagazin The Heritage Post.
Probieren statt Studieren
Auf den Namen seines Unternehmens stieß Schroda, der 1982 nach Berlin kam, um unter anderem Literaturwissenschaft zu studieren, bei seinem Lieblingsautor Jack London. Als „Great White Hope“ galt Anfang des 20. Jahrhunderts weißen Boxfans in den USA jeder weiße Boxer, der den damaligen schwarzen Schwergewichtsweltmeister besiegen könnte. Später wurde die Wendung für alles verwendet, wovon man sich Erfolg versprach.
Aus dem Studium wurde nicht viel – Schroda hatte mehr Lust auf praktische Arbeit. In seiner Einzimmerwohnung nähte er Kostüme und Rüstungen aus Leder, arbeitete mit Resten und Abfällen. Um das Handwerk zu erlernen, nahm der Autodidakt das Branchentelefonbuch zur Hand – das Internet gab es noch nicht – und besuchte alle Berliner Betriebe, die Leder verarbeiteten.
1987 eröffnete er mit einer Freundin in der Charlottenburger Schlüterstraße ein Geschäft für selbst entworfene, extravagante Outfits – inspiriert vom Punk- und New-Wave-Stil. Schrodas Spezialität: Lederhemden mit Metallapplikationen. Aber auch schon Gürtel.
Aus der Leidenschaft wird ein Unternehmen
Eine wichtige Rolle spielte auch das Ausgehen. Schon in den 1980er-Jahren war das West-Berliner Nachtleben legendär. Hier tummelte sich die kleine kreative Szene der Stadthälfte. „Ausgehen war auch Arbeit“, sagt Schroda. Von den Nachtgestalten in Clubs und Bars holte er sich Inspiration für seine Kreationen.
Der erste Schritt in den Einzelhandel blieb zunächst Episode. Schroda professionalisierte sich, konzentrierte sich auf Gürtel und Hosenträger. Ein befreundeter Sozialarbeiter, Hans Mattei, stieg ein. Ab 1990 produzierten beide in einer eigenen Werkstatt in Schöneberg, später in einer großen Halle in der Monumentenstraße.
Zunächst belieferten sie nur den Großhandel und waren auf Messen vertreten. Unvergessen ist bis heute ein überraschender Großauftrag aus Hongkong über 100.000 Deutsche Mark. Um die Jahrtausendwende entdeckten sie den Direktvertrieb auf Kunsthandwerks- und Weihnachtsmärkten. Bis zu 40 Märkte im Jahr bespielte Hoffnung mit mehreren Teams. Das war erfolgreich, aber auf Dauer kräftezehrend. Schroda träumte von einem eigenen Geschäft in Berlin – die Einrichtung hatte er schon.
Mit dem Aufzug in die Hackeschen Höfe
Den Grundstock bildeten zwei kleine, mit Leder gepolsterte Turngeräte, die bereits Schrodas Wohnung schmückten. Er ist anlässlich einer Messe in München, als sich ein Antiquitätengeschäft als wahre Fundgrube entpuppt: Ein großer massiver Turntisch und zwei Sprossenwände ergänzen perfekt seine bisherigen Sammlerstücke, dazu kommen alte Lampen und Holzschränke aus Werkstätten oder Industriebetrieben. Innerhalb von zehn Minuten hatte er den Laden leergekauft – und seine Geschäftseinrichtung komplett. Jetzt fehlte nur noch ein geeigneter Raum.
Über die Putzfrau eines Freundes erfährt Schroda von einem frei werdenden Ladenlokal in Hof 4 der Hackeschen Höfe. Die Hausverwaltung klingt am Telefon skeptisch, aber Schroda läßt sich nicht abwimmeln. Er schreibt einen handschriftlichen Brief, in dem er seine Vision schildert.
Neben seiner Hartnäckigkeit und einem überzeugenden Konzept hilft ihm auch das Glück: Als er den Brief persönlich abgeben will, stand durch ein Versehen die Aufzugstür zur Verwaltung offen. Der Brief landet auf dem richtigen Schreibtisch – und in den richtigen Händen. Der Sohn der Inhaberfamilie war an diesem Tag zufällig vor Ort. Kurz darauf klingelt Schrodas Telefon: Er bekommt den Laden.
2010 eröffnet er seinen Hoffnung-Store – genau so, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Bis heute präsentiert sich der Laden nahezu unverändert. Sein Partner Mattei ist zu dieser Zeit noch dabei, steigt aber später aus gesundheitlichen Gründen aus. Schroda kann sich bis heute keinen besseren Ort für Hoffnung vorstellen. Auch das Verhältnis zur Hausverwaltung ist gut; während der Corona-Zeit zeigte sie sich, wie Schroda anerkennend bemerkt, „sehr kulant“.
Es gibt weltweit nicht viele Geschäfte, die ausschließlich Gürtel verkaufen. Schroda hat sie alle besucht – von Mailand über London bis New York. Und der schönste Gürtelladen von allen? „Natürlich meiner“, sagt er voller Stolz.