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Die Hofherrinnen – Gründergeist, Mut und Leidenschaft in den Hackeschen Höfen

März 2026

Inhabergeführte Geschäfte prägen die Hackeschen Höfe. Dahinter stehen Persönlichkeiten, die mit einer starken Idee, Kreativität und großer Beharrlichkeit ein Geschäft und eine Marke aufgebaut haben. Ein großer Teil von ihnen ist weiblich. Wir stellen vier Selfmade-Women vor.

Unternehmergeist im Blut: Anne Schmitt


2026 feiert „Gretchen“ ihren 20. Geburtstag, seit 14 Jahren ist die Marke in Hof 4 der Hackeschen Höfe zu Hause. Gründerin und kreativer Kopf ist Anne Schmitt, die das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Mann führt.

Leben mit Leder


Leder wurde Anne Schmitt in die Wiege gelegt. Natürlich nicht buchstäblich, doch das Material begleitet ihre Familie über Generationen. Der Urgroßvater startete in den 1920er-Jahren die Produktion hochwertiger Lederhandschuhe. Schon als Schülerin arbeitet Anne Schmitt im elterlichen Betrieb mit und entwirft ihre ersten eigenen Modelle.

Nach dem Schulabschluss in England studiert sie International Business in London und steigt gleichzeitig in das Familienunternehmen ein – als Head-Designerin für eine Handschuhkollektion mit rund 100 Modellen pro Jahr. Zusätzlich betreut sie im Vertrieb die Märkte in England, Frankreich und Spanien. 

Anne Schmitt modelt für Gretchen.
Anne Schmitt modelt für Gretchen.

Gloves Off – vom Handschuh zur Tasche 


Doch der Gestaltungsspielraum ist bei Handschuhen gering: Nach geschätzt 1.000 Handschuh-Entwürfen wächst in Schmitt der Wunsch nach mehr kreativer Freiheit. 

Der Schritt zur Tasche liegt nahe. Auch hier arbeitet sie mit Leder und kann ihr Wissen über Material, Verarbeitung und Produktionsabläufe nutzen.

Und endlich kann sie frei mit der Form arbeiten – etwas, „das mich bis heute interessiert und begeistert”, sagt Schmitt. Ihre skulpturalen Entwürfe fallen auf und werden vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem renommierten Red Dot Design Award. 

Das doppelte Gretchen


Das Label Gretchen gründet Anne Schmitt 2006 gemeinsam mit ihrem Mann. Auch er stammt aus einer Unternehmerfamilie – allerdings aus der Stahlbranche. Schon früh steht für beide fest, dass sie ein eigenes Unternehmen aufbauen wollen.

Ihre Aufgaben bei Gretchen sind klar verteilt: Sie verantwortet Design, Materialauswahl, Materialgestaltung, Kollektionsplanung und das Store-Design, er übernimmt administrative und organisatorische Aufgaben. In Hof 4 der Hackeschen Höfe finden sie 2012 ein Umfeld, das zur Marke passt: hochwertig, kreativ, unverwechselbar – umgeben von anderen unabhängigen Labels. 2013 folgt ein Store in Düsseldorf.

Zum 20-jährigen Jubiläum erscheint ab September eine limitierte Kollektion, begleitet von besonderen Aktionen in den Stores. 

Ikonische Gretchen-Tasche „Tango”
Ikonische Gretchen-Tasche „Tango”
Sabine Dubbers, die Pionierin


Sabine Dubbers ist eine Langzeitüberlebende in den Hackeschen Höfen. In einer Zeit des Umbruchs zog sie 1995 mit ihrer Schmuckwerkstatt in den noch unsanierten Hof 4 – und ist als (fast) einzige immer noch dort.

Start im wilden Osten

Berlin zur Wendezeit: Überall im ehemaligen Ostteil stehen Räume leer, in denen Neues entstehen kann. Auch die 25-jährige Sabine Dubbers will ihr eigenes Ding machen. Sie hat nach Goldschmiedeausbildung und Gesellenjahren ein Gastsemester im Bereich Design an der HdK (heute:UdK) absolviert. Dabei merkt sie: Sie arbeitet lieber praktisch als theoretisch. 

Für 100 D-Mark im Monat mietet sie ihren ersten Laden in Mitte: zugemüllt, ohne Fenster, ohne Wasser, ohne Heizung. Dubbers packt an und saniert die Räume über ein Jahr hinweg eigenhändig.

2025 feierte das Schmuckwerk Jubiläum.
2025 feierte das Schmuckwerk Jubiläum.

Wo ist der Chef?

Wenig später erfährt Dubbers, dass sich in den Hackeschen Höfen etwas tut. Das stark heruntergekommene Hofensemble soll saniert werden. Die Stadt knüpft daran Auflagen: In Hof 4, dem damals so sogenannten „Designerhof“, sollen lokale Mode- und Accessoire-Labels einziehen – zu moderaten Mieten. 1995 eröffnet Dubbers zwischen Baugerüsten ihren Laden. Wie sich zeigt, sind es ausschließlich Frauen, die sich in Hof 4 selbstständig gemacht haben. 

Für Dubbers erfüllt sich ein Traum. „Mich mit Schönem beschäftigen, etwas Eigenes schaffen, Freude schenken.“ Es folgen Jahre wirtschaftlicher Höhen und Tiefen. Doch ihre größte Leistung, sagt sie rückblickend, sei es, neben dem Geschäft als alleinerziehende Mutter drei Kinder großgezogen zu haben. Gewickelt wird auf dem Tresen.

Unvergessen bleibt die immer wieder gehörte Frage „Wo ist denn der Chef?”

Das Schmuckwerk-Geschäft 1995
Das Schmuckwerk-Geschäft 1995
Birgit Laun – die Perlenfischerin


Aus ihrer Leidenschaft für besondere Perlen entstand eine Geschäftsidee: Schmuck zu gestalten, der Geschichten erzählt. Vor über 25 Jahren gründete Birgit Laun ihr Atelier „Perlin“ in Hof 4 der Hackeschen Höfe. 

Eine Leidenschaft wird Geschäftsidee

Über viele Jahre baute sie eine sorgfältig kuratierte Sammlung außergewöhnlicher und historischer Perlen auf. Doch es blieb nicht beim Sammeln. Laun wollte aus ihren Fundstücken neuen Schmuck gestalten. In den Hackeschen Höfen – zwischen Handwerk, Kunst und urbanem Leben – fand sie im Jahr 2000 den idealen Ort für ihre kreative Vision. 

Bei „Perlin“ geht es farbenfroh zu. Birgit Laun liebt starke Kontraste und ungewöhnliche Kombinationen. Aus Perlen unterschiedlichster Materialien, Formen und Größen entstehen Schmuckstücke mit Charakter – handgefertigt und ausschließlich im eigenen Geschäft erhältlich. Jedes Stück ist ein Unikat. Auch individuelle Wünsche setzt sie um.

Vom Studieren zum Probieren: Floriane Palussiere und Codressing


Floriane Palussiere ist die jüngste Gründerin in den Hackeschen Höfen. Mit Codressing macht sie Designermode auch für Fashionistas mit normalem Einkommen zugänglich. Ihr Konzept setzt auf Qualität statt Fast Fashion.

Krise als Chance 

Als Floriane Palussiere im April 2021 ihr Geschäft Codressing in Hof 7 der Hackeschen Höfe eröffnete, befand sich die Welt im Ausnahmezustand. Wegen der Pandemie mussten viele Geschäfte schließen, auch in den Höfen wurden Flächen frei. Für die junge Französin war das kein Grund zum Zögern, sondern eine Gelegenheit. Sie setzte eine Idee in die Tat um, mit der sie sich zuvor vor allem theoretisch beschäftigt hatte.

Im Rahmen ihres Masterstudiums der Wirtschaftswissenschaften, das sie in China und Berlin absolvierte, analysierte sie die Modeindustrie und das Konzept der Sharing Economy. Auch ihre Abschlussarbeit widmete sie diesem Thema. Aus Forschung wurde Überzeugung: Mode muss nachhaltiger werden – und dennoch bezahlbar bleiben.

Liebe und Mode in Berlin

Dass sie den Schritt in die Selbstständigkeit in Berlin wagte, hat nicht nur mit ihrer Liebe zur Stadt zu tun. Hier hatte sie ihren italienischen Partner kennengelernt, hier wollte sie bleiben. In den Hackeschen Höfen fand sie einen Ort, der für kreative Eigenständigkeit steht wie kaum ein anderer in Berlin. Zwischen Design, Handwerk und internationalem Publikum schienen die Höfe der ideale Rahmen für ein Konzept, das Mode neu denkt.

Palussiere startete Codressing allein, mit eigenem Kapital und ohne unternehmerische Erfahrung. Hinzu kam die Herausforderung, in einem Land zu gründen, das nicht ihr eigenes war. Sie musste mit Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden umgehen.

Für diesen Wagemut hatte sie Vorbilder. Auch Floriane Palussieres Eltern sind Unternehmer. Der Start war nicht einfach, aber Palussiere hat es geschafft – und ist stolz darauf. Sie hat sich vor Ort eine treue Kundschaft aufgebaut und versendet ihre Stücke inzwischen weltweit.

Der Codressing Store in Hof 7
Der Codressing Store in Hof 7