Das Umfeld der Hackeschen Höfe ist wie die ganze Spandauer Vorstadt auf das engste mit der Geschichte und dem Schicksal der Berliner Juden verbunden. Wirtschaftliche Überlegungen veranlaßten den Großen Kurfürsten 1671, die reichsten der zuvor aus Wien vertriebenen Juden anzuwerben. Jene vierzig Familien, die seinem Ruf folgten, gründeten nach hundertjähriger Vertreibung wieder eine jüdische Gemeinde in Berlin.

Bereits 1672 wurde nördlich der Spree, an der heutigen Großen Hamburger Straße, ein jüdischer Friedhof angelegt. Jedoch durfte eine Synagoge erst 1712 in der Heidereutergasse gebaut werden. Sie lag in der Berliner Altstadt an der Grenze zur Spandauer Vorstadt, in der die jüdische Gemeinde nach Schleifen der Befestungswälle die meisten ihrer Einrichtungen etablierte. Das jüdische Krankenhaus entstand 1756 am Anfang der Oranienburger Straße.

Die Spandauer Vorstadt wurde für viele Juden zum bevorzugten Wohnviertel. Am Hackeschen Markt, an der Neuen Promenade, wohnte u. a. der Bankier Simon Veit mit seiner Frau Brendel, der ältesten Tochter des Philosophen und Aufklärers Moses Mendelssohn. Ihr Vater hatte sich bis zu seinem Tode 1786 für die Emanzipation der Berliner Juden eingesetzt. Sie selbst gehörte mit ihren Freundinnen Rahel Levin und Henriette Herz zu den Mitbegründerinnen der Berliner Salonkultur. Marcus Herz, der Ehemann von Henriette Herz, leitete bis 1803 das Jüdische Krankenhaus.

1827 wurde der Jüdische Friedhof, auf dem auch Moses Mendelssohn begraben lag, wegen Überfüllung geschlossen. Das 1844 errichtete Jüdische Altersheim schirmte fortan sein Areal von der Großen Hamburger Straße ab. Die Jüdische Knabenschule bezog 1863 auf dem angrenzenden nördlichen Grundstück ihr neues Domizil. Eine rege Bautätigkeit entfaltete die jüdische Gemeinde um 1860 zwischen der Oranienburger Straße und Auguststraße. An letzterer entstand zwischen 1858 und 1860 nach Plänen des Architekten Eduard Knoblauch der Neubau des Jüdischen Krankenhauses. Für das angrenzende Grundstück entwarf Knoblauch 1859 eine Synagoge für 3000 Gläubige im maurischen Stil. Die orientalische Pracht der 1866 eingeweihten Neuen Synagoge war in der jüdischen Gemeinde ebenso umstritten wie der hier praktizierte reformierte jüdische Ritus.

1869 spaltete sich der orthodoxe, gesetzestreue Flügel von der Gemeinde ab und gründete die Religionsgemeinschaft Adass Jisroel. 1885 erfolgte ihre offizielle Anerkennung als jüdische Gemeinde. Seit 1873 hatte Adass Jisroel ein Hinterhaus in der Gipsstraße als Synagoge genutzt, 1904 konnte ein neues Gemeindezentrum mit Synagoge an der heutigen Tucholskystraße bezogen werden. Die reformierte jüdische Gemeinde wiederum weihte in derselben Straße 1907 den Neubau der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ein.

Auch in den gleichzeitig fertiggestellten Hackeschen Höfe entfaltete sich jüdisches Leben. Von 1916 bis 1933 befand sich hier das Mädchenheim des Jüdischen Frauenbunds, Ortsgruppe Berlin. Die Jüdische Studentenmensa zog 1932 als Mieter ein, blieb allerdings nur bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Dem Jüdischem Adressbuch von 1929/30 zufolge waren ein Viertel der hier Gewerbetreibenden Juden. Im Herbst feierten die jüdischen Mieter in den Höfen das traditionelle Laubhüttenfest.

Als die Hackeschen Höfe entstanden, vollzog sich weiter östlich, im sogenannten Scheunenviertel, ein bedeutsamer Wandel durch den Zuzug osteuropäischer Juden. Es handelte sich um orthodoxe Juden bäuerlicher Herkunft, die vor den russischen Pogromen geflüchtet waren. In ihrem Äußeren und in ihrer Kultur unterschieden sie sich von der alteingesessenen, größtenteils assimilierten jüdischen Bevölkerung. Sie brachten das jiddische Theater und die jiddische Musik nach Berlin.

Um 1930 gab es in der Spandauer Vorstadt bis zu 300 jüdische Einrichtungen. Dieses facettenreiche jüdische Leben wurde durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten zerstört. Bereits 1923 hatte es im Scheunenviertel Pogrome gegeben. Nur das mutige Eingreifen des Polizeireviervorstehers Wilhelm Krützfeld verhinderte in der Pogromnacht vom 9. November 1938 die Zerstörung der Neuen Synagoge. Danach wurden die geplünderten jüdischen Geschäfte und Unternehmen geschlossen oder arisiert.

Ab 1942 mißbrauchten die Nationalsozialisten das hinter den Hackeschen Höfen gelegene Jüdische Altersheim als Sammellager für die Berliner Juden. Von hier aus wurden sie in die Konzentrationslager von Theresienstadt und Auschwitz deportiert, mit ihnen auch die jüdischen Mieter der Hackeschen Höfen, denen es nicht gelungen war zu emigrieren. Nur vereinzelt konnten die Schwestern des Katholischen Krankenhauses jüdische Mitbürger verstecken, desgleichen der Bürstenbinder Otto Weidt, der in seiner Werkstatt neben den Hackeschen Höfen blinde Juden beschäftigte.

Der Jüdische Friedhof wurde 1943 von den Nationalsozialisten zerstört, so auch das Grab Moses Mendelssohns, das in der Nachkriegszeit rekonstruiert wurde. Das ehemalige Jüdische Altersheim fiel 1943 den Bomben zum Opfer. An seiner Stelle wurde Ende der achtziger Jahre ein Gedenkstein für die 55000 ermordeten Berliner Juden errichtet.

Anläßlich des 50. Jahrestags der Pogromnacht von 1938 beschloß die Regierung der DDR, die ruinierte und teilweise in den fünfziger Jahren gesprengte Neue Synagoge als Centrum Judaicum wiederaufzubauen. Seit 1991 leuchtet der vergoldete Davidstern erneut auf der rekonstruierten Synagogenkuppel.

Der 1904 für die Jüdische Knabenschule errichtete Neubau dient seit 1993 als Jüdisches Gymnasium. Das Gebäude der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ist heute u. a. Sitz des Zentralrats der Juden in Deutschland. Es wurde nach dem einst hier tätigen Rabiner Leo Baeck benannt. Koschere Gaststätten finden sich in der Oranienburger und der Tucholskystraße. In den Hackeschen Höfen pflegt das Hackesche Hoftheater das jiddische Theater und die jiddische Musik.

Autor: Ernst Siebel