1906, als die Hackeschen Höfe entstanden, zählte Berlin zu den größten Modemetropolen weltweit. Paris war die Stadt der Haute Couture, Berlin die der Konfektion. Wenn diese auch nicht in Berlin erfunden wurde, so gelang doch hier ihre Perfektion. Ab 1836 kam es in Berlin zu einem systematischen Ausbau der Konfektionsindustrie. Kleidung wurde nicht mehr nach Maß, sondern seriell, nach standartisierten Größen angefertigt.

Valentin Manheimer, Herrmann Gerson, Nathan Israel, David Leib Levin sowie Rudolf Hertzog etablierten ihre Modehäuser am Hausvogteiplatz oder in dessen Nähe. Hier, im Einzugsbereich des Prachtboulevards Unter den Linden fand der Verkauf statt, die Produktion vollzog sich jedoch an den Randzonen der Berliner Innenstadt. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatten sich in der Spandauer Vorstadt Textilmanufakturen, sogenannte Manchester-Fabriken, niedergelassen. Im späten 19. Jahrhundert wurde in Heimarbeit oder in den Stockwerksfabriken hiesiger Gewerbehöfe produziert, so auch in den Hackeschen Höfen. Zwischen 1906 und 1912 gab es hier eine später nicht mehr erreichte Anzahl von Firmen, die Mode bzw. Bekleidungsartikel herstellten oder verkauften.

Im Vorderhaus an der Rosenthaler Straße bot die Firma Kurzberg elegante Herrenkonfektion an. Die Firma Joka & Co Pelzwaren war hier ebenso vertreten wie die Stoffhandschuhfabrik Baermann & Schuster. Zu den Gewerbemietern zählte ferner das Unternehmen Ahrndsen, das Damenmäntel herstellte. Die Firma Friedländer jr. produzierte Besatz für elegante Damenmode, sogenannte Posamente, während die Firma Stock diese mit wechselndem Erfolg sogar bis 1950 verkaufte. Posamente erfreuten sich nicht zuletzt bei mittleren Einkommensschichten großer Beliebtheit, weil mit ihnen altmodisch gewordene Kleidung mit nur geringem Aufwand aktualisiert werden konnte. Ferner hatten sich zwei Schuhfabriken und jeweils eine Schürzen- und Mützenfabrik in den Höfen niedergelassen.

Der Erste Weltkrieg, die Inflation von 1923 und die Weltwirtschaftskrise von 1929 führten in der Bekleidungsindustrie zu starken Einbrüchen. Kaum hatte sich diese erholt, zerstörten die Nationalsozialisten nach 1933 die jüdischen Konfektionshäuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, wagte der Schneider Walter Nehrlich in den Hackeschen Höfen mit einem Herrenkonfektionsbetrieb einen Neuanfang. 1972 ging aus seinem Unternehmen, das vor allem für den Export produzierte, die VEB Herrenkleidung Berlin hervor.

Die Lebensreformbewegung, die auch die Anlage der Hackeschen Höfe beeinflußt hatte, machte sich auch in der Damenmode bemerkbar. Ärzte, Künstler und Frauenrechtlerinnen kämpften nicht nur für hellere Wohnungen und mehr Hygiene, sie machten auch Front gegen das Schnürkorsett, das u. a. Blutarmut und Unfruchtbarkeit verursachte.

Das Reformkleid, dessen Stoff von den Schultern bis zum Boden in freien Bahnen herabfiel, war jedoch als Sack verschrieen. Als Alternative kam für viele Frauen allenfalls die Damenmode des frühen 19. Jahrhunderts in Betracht. Nicht mehr die enggeschnürte Taille wurde betont, sondern die Büste. Gleichzeitig wurden - wenn auch ohne Erfolg - Posamenten als überflüssig kritisiert. Die Diskussion um das Reformkleid folgte medizinischen und ästhetischen Überlegungen. Sie trug aber kaum der zunehmenden Berufstätigkeit der Frau Rechnung, dafür waren die Röcke noch zu lang, die Vorliebe der entwerfenden Künstler für den malerisch auf dem Boden nachschleifenden Rocksaum zu groß.

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs revolutionierte die Berufstätigkeit der Frau im Dienstleistungsbereich die Damenmode. Das wachsenden Interesse am Sport unterstützte diesen Trend. Mit der Monarchie fielen auch die moralischen Bedenken gegen den kurzen Rock, der bis kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten seinen ersten Siegeszug antrat.

Nach dem Untergang der DDR hat es den Anschein, als sei die Berliner Mode an einen ihrer alten Produktionstandorte zurückgekehrt. Ja mehr noch, die Gegend um den Hackeschen Markt scheint die einstige Rolle des Hausvogteiplatzes als Modezentrum zu übernehmen. In der Nachbarschaft der Hackeschen Höfe existieren Boutiquen mit den Labels Pariser Couturiers neben avantgardistischen Schneiderateliers, die den Ruf Berlins als Modemetropole erneuern. Jedoch ist der Verkauf von Posamenten, der vor hundert Jahren in den Hackeschen Höfen eine bedeutsame Rolle spielte, längst anderen, unerläßlich erscheinenden Accessoires gewichen. Hierzu zählen auffällig gestylte Schuhe und Sonnenbrillen, die geradezu Kultstatus erreichen. Mittlerweile wird der modebewußte Kunde in den Hackeschen Höfen und ihrer Umgebung in Geschäften bedient, die immer mehr Galerien ähneln. Ein paar Straßen weiter, in der Großen Hamburger Straße, wartet ein Salon mit dem auf, was bereits vor hundert Jahren, als die Hackeschen Höfe entstanden, zu den schönsten Modelaunen zählte: Damenhüte! - Mode als Kunst!

Autor: Ernst Siebel